„Sicherheit ist immer auch eine Frage von Gerechtigkeit“
5. Mai 2026

Foto: ZDF | Patrick Slesiona
Die DFG-Forschungsgruppe „The Promise of Security in Catastrophic Times“ (PROMISE) hat vor kurzem ihre Arbeit aufgenommen. Sprecherin der interdisziplinären Forschungsgruppe, an der auch drei PIER-PLUS-Partner beteiligt sind, ist Prof. Dr. Ursula Schröder – sie ist auch Sprecherin des Profils „Konflikt, Kooperation und Sicherheit“.
Wenn Sie PROMISE jemandem erklären müssten, der noch nie von dem Projekt gehört hat: Worum geht es?
Ursula Schröder: In PROMISE untersuchen wir, wie demokratische Staaten und internationale Institutionen in Zeiten sich überlagernder Krisen, von Pandemien über Klimakatastrophen bis hin zu Kriegen, ihr Versprechen von Sicherheit neu aushandeln und praktisch umsetzen. Wir bewegen uns dabei bewusst im Spannungsfeld von gesellschaftlichen Erwartungen und den Versuchen von Staaten und internationalen Organisationen, ihre Schutzfunktionen neu zu konfigurieren. Dabei interessiert uns, welche Formen von Schutz priorisiert werden, wer geschützt wird – und wer außen vor bleibt.
Warum braucht es gerade jetzt eine eigene Forschungsgruppe zum „Sicherheitsversprechen in katastrophischen Zeiten“?
Schröder: Wir erleben derzeit eine außergewöhnliche Verdichtung von Krisen, die die Sicherheitspolitik der vergangenen Jahrzehnte massiv unter Druck setzt: die Zunahme von Krieg und Gewalt weltweit, die sich verschärfende Klimakrise und zugleich die tiefe Krise demokratischen Regierens in vielen Staaten. Politische Entscheidungsträgerinnen und -träger müssen in dieser Situation schnell handeln und neue Wege finden, mit diesen Herausforderungen umzugehen. Als Forschungsgruppe untersuchen wir, wie diese sicherheitspolitischen Entscheidungen begründet werden, wer davon profitiert und wer benachteiligt wird. Uns interessiert außerdem, wie sich das Verständnis und die konkrete Praxis demokratischer Sicherheitsversprechen unter den Bedingungen multipler Krisen heute verändert.
PROMISE ist interdisziplinär aufgestellt und verbindet mehrere Hamburger Einrichtungen, darunter mehrere PIER-PLUS-Partner. Wie arbeiten Sie konkret zusammen?
Schröder: In PROMISE bringen wir Kolleginnen und Kollegen aus Politikwissenschaft, Soziologie, Kommunikationswissenschaft und Humangeografie zusammen. Beteiligt sind die Universität Hamburg, die Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg (HSU) und das Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH), an dem ich auch als Direktorin tätig bin. Das ist zugleich eine Teilmenge der Partner des Profils „Konflikt, Kooperation und Sicherheit“ von PIER PLUS – kein Wunder, steht doch die Kooperation über Disziplinen- und Institutionengrenzen hinaus auch im Zentrum von PIER PLUS. In insgesamt acht Teilprojekten analysieren wir unterschiedliche Schutzpraktiken: vom staatlichen Katastrophenschutz über humanitäre Hilfen der Vereinten Nationen bis zur Zurückweisung des demokratischen Sicherheitsversprechens von rechts.
Können Sie Beispiele für die Teilprojekte nennen?
Schröder: Ein Projekt an der HSU befasst sich etwa mit der Frage, wie sich Verteidigungs- und Sicherheitspraktiken in Finnland und den baltischen Ländern seit 2014 verändert haben, also im Kontext von Russlands Politik und des Krieges gegen die Ukraine. Ein anderes, an dem das IFSH beteiligt ist, untersucht, wie die Vereinten Nationen in Krisenzeiten Prioritäten in ihrer humanitären Hilfe setzen und wie sogenannte „Protection Mainstreaming“-Ansätze in der Praxis funktionieren. Zukunftsweisend ist auch ein Projekt der Universität Hamburg, das wir „Counter-Communities’ Protection Practices and Security Utopias in Catastrophic Times“ nennen: Hier schauen sich Kolleginnen und Kollegen an, wie marginalisierte Gemeinschaften – etwa Black-Liberation-Bewegungen, migrantische Solidaritätsnetzwerke oder feministische Kollektive – eigene Schutzpraktiken und Zukunftsentwürfe von Sicherheit entwickeln, weil sie sich auf das klassische Sicherheitsversprechen liberaler Staaten nie verlassen konnten. Das macht sehr sichtbar, dass Sicherheit nicht nur von oben organisiert wird, sondern auch von unten neu erfunden werden kann.
Was hoffen Sie, dass PROMISE langfristig bewirkt – wissenschaftlich, aber auch gesellschaftlich?
Schröder: Wissenschaftlich wollen wir dazu beitragen, Sicherheitsforschung noch stärker interdisziplinär, vergleichend und kritisch auszurichten und zu zeigen, dass Sicherheit in Demokratien immer auch eine Frage von Gerechtigkeit und Teilhabe ist. Wir wünschen uns, dass unsere Analysen dazu beitragen, die heute notwendigen Veränderungen von Sicherheitsversprechen und Schutzpraktiken inklusiver anzugehen, dabei Zielkonflikte offen zu benennen und Gruppen mitzudenken, die bislang häufig an den Rand gedrängt wurden. Ich persönlich hoffe, dass wir damit auch Debatten über Sicherheit entdramatisieren – weg von reiner Bedrohungsrhetorik hin zu der Frage, wie wir in einer demokratischen Gesellschaft solidarisch mit Krisen umgehen wollen.


